Verlag Henselowsky Boschmann
Interview mit Daniel Twardowski

Daniel Twardowski ist Autor des Romans "Die Ewige Ruhr"
Wann wurden Sie geboren? Allerheiligen 1962. Deshalb war ich an meinem Geburtstag immer viel auf Friedhöfen.
Sie stammen nicht aus dem Ruhrgebiet ...? Nein, aber mein Geburtsort ist Fachleuten unter dem Oberbegriff die "Ruhrdörfer" bekannt. Auf der Landkarte als "Oeventrop" leicht zu finden - und gar nicht so weit weg vom Revier.
Gibt es sonst nähere Beziehungen zum Ruhrgebiet? Ruhrdörfer und Ruhrgebiet verbindet schon das gemeinsame Schicksal, von Arnsberg aus regiert zu werden.
Ich meinte: Sind Sie öfter im Ruhrgebiet? Was waren Ihre ersten Erfahrungen? Ich habe mit sechs bei einer Tante in Witten zum ersten Mal "Bonanza" in Farbe gesehen. Abgesehen davon war die erste nachhaltige Erfahrung ein Konzert der "Les Humphries Singers" 1972 in der Westfalenhalle. Es war kurz nach der Pause, ein Stück mit einem längeren Gitarren-Intro. Sehr piano, sehr gefühlvoll. Irgendeinem Dortmunder dauerte das zu lange und er rief: Laß jucken! Das fand ich wohl irgendwie respektlos, schließlich war es mein erstes Pop-Konzert. Also krähte ein Neunjähriger aus der drittletzten Reihe: Halt die Klappe! - Und 5000 Ruhris drehten sich lachend zu mir um. Sowas prägt.
Sind Sie deshalb nach Marburg an der Lahn gezogen? Nein, ursprünglich wollte ich in Köln Theaterwissenschaften studieren. Also gewissermaßen an der Peripherie des Ruhrgebiets bleiben, in einem Vorort ...
Daraus wurde nichts?! Ich hatte sogar schon ein Zimmer da, als ich endlich herausfand, daß die einen Abi-Notendurchschnitt verlangen, demzufolge - jetzt aber wirklich ohne alle Häme - die deutsche Theaterlandschaft inzwischen eine der blühendsten der Welt sein müßte.
Noch mal: Warum Marburg? Ich habe mich im Studium auf die Literatur der frühen Neuzeit (16.-18. Jahrhundert) spezialisiert. Da braucht man eine alte Uni mit entsprechend altem Buchbestand. In den Bibliotheken der Philipps-Universität kleben in manchen Büchern sogar noch Fliegen, die seit 400 Jahren tot sind.
Was machen Sie beruflich? Negativ ausgedrückt bin ich ein - von hin und wiedrigen Lehraufträgen abgesehen - zur Zeit erwerbsloser Literaturwissenschaftler. Positiv gesagt bin ich freier Schriftsteller.
Klingt nach gespaltener Persönlichkeit. Ja. Aber solange immer der eine das Geld verdient, das der andere ausgibt, ist das gar nicht schlecht.
Was schreiben Sie so? In den letzten Jahren vor allem eine längere Doktorarbeit über Giordano Bruno
Was heißt ‘länger’? 997 Seiten.
Hätten Sie da nicht noch ... Das sagen alle. Aber vierstellige Zahlen wirken so abschreckend. Nebenher habe ich ein paar Theaterstücke geschrieben, unter anderem eins für das Hessische Landestheater, "Der zweyweibige Landgraf". Darin geht es um Philipp den Großmütigen, seine zwei Frauen, drei Hoden und noch weit zahlreicheren Nachkommen. Das ist eine Weile sehr erfolgreich gelaufen.
Und was machen Sie in Ihrer Freizeit? Wann? - Im Ernst, ich lese oder schreibe eigentlich dauernd. Da weiß man nie genau, wo der Spaß aufhört und die Arbeit anfängt. Richtig Freizeit ist aber, wenn ich mit meiner Frau Baseball spiele. Bücher und Bälle entspannen mich eben.
Bücher und Bälle, das könnte auch ein Motto von "Die Ewige Ruhr" sein. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, den Roman zu schreiben? Ich wollte meiner Frau nicht immer nur Bücher von anderen Leuten schenken. Und dann haben wir als Baseball-Fans irgendwann den amerikanischen Spielfilm "Field of Dreams" gesehen. Da kehrt eine ehemalige Baseball-Legende aus dem Jenseits zurück und fängt wieder an zu spielen, aber nur an einem bestimmten Ort. Für jemanden, der weder das Spiel noch die USA kennt, mag das nicht sehr ergreifend sein. Aber hinter der Geschichte wird sozusagen der nationale Mythos sichtbar: die Tatsache, daß für einen Ami so ein Baseballfeld nicht einfach irgendein Sportplatz ist, sondern immer auch ein Stück Heimat, ein Stück der eigenen Kindheit. Egal, ob man nun in Iowa oder in Indonesien gegen den Ball schlägt. Da haben wir uns gefragt: Funktioniert sowas auch hierzulande?
Und? Wenn, dann nur mit Fußball. Und wo? Natürlich nur im Ruhrgebiet. Die Bayern gewinnen vielleicht eine Menge Titel. Aber sie werden nie ein Mythos sein.
Mit Fußball hat der Roman dann aber gar nicht so ausschließlich zu tun. Die Geschichte war irgendwann stärker als ich.
Wenn Sie 30 Sekunden oder sechs Sätze Zeit hätten, jemanden zu überzeugen, "Die Ewige Ruhr" zu kaufen, was würden Sie ihm sagen? Sechs Sätze in 30 Sekunden? Eine unlösbare Aufgabe für einen Literaturwissenschaftler.
Anders gefragt: Hat ihr Roman eine "Message", etwas, das Sie den Menschen hier im Ruhrgebiet oder denen, die uns nur vom Hörensagen kennen, mitteilen wollen? Nehmt das Leben nicht so schrecklich ernst. Früher oder später ist es ja doch vorbei.
Nicht, wenn man Ihrem Roman glaubt. Gut, was?!
Welche Figur aus Ihrem Roman würden Sie einem Leser besonders ans Herz legen? Einem Leser??? Also irgendwo heißt es von Frau Mahnke: Diese Frau war ihr Leben lang schlecht gelaunt. Das Gegenteil davon möchte ich möglichst vielen Lesern nahelegen.
Welches ist für Sie die schönste Szene? Ich kann mich eigentlich an kaum eine Szene erinnern, bei der das Schreiben keinen Spaß gemacht hätte, und hoffe natürlich, daß das auch für die Lektüre gilt. Einiges gefällt mir natürlich wegen der Komik, ich sage nur: "Eduard war in Asien ..." Mein ganzer Stolz ist aber, daß meine Frau gegen Ende immer noch in Tränen ausbricht.
Noch ein paar Fachfragen: Was macht Ihrer Meinung nach eine(n) echte(n) Ruhrgebietler(in) aus? Für einen Nicht-Ruhrgebietler ist das wohl mehr eine Fangfrage. Also, Herz, Charme und Schnauze sollen ja auch andere Leute haben. Ich würde aber sagen, daß Humor und Bodenständigkeit im Ruhrgebiet irgendwie untergründiger sind.
Wer ist denn z.B. eine echte Ruhrgebietlerin? Tana Schanzara. Jedenfalls spielt sie meistens so echt, daß man immer sofort glaubt, man wäre um ein, zwei Ecken mit ihr verwandt.
Und wer ist ein echter? Willi Lippens.
Der ist Holländer. Lebt aber seit dreißig Jahren im Ruhrgebiet und ist trotz verlockender Angebote nie weggegangen.
War er nicht mal in Amerika? Ja, in Dallas, aber nur auf Montage, als Entwicklungshelfer sozusagen.
Und was macht ihn zum typischen Ruhrgebietler? Er hat sich z.B. mal mitten im Spiel auf den Ball gesetzt, um die Gegner zu ärgern. Das zeigt nicht nur diesen souveränen Humor, sondern ist auch ein genial-einfacher Kommentar zum ganzen Bundesligageschäft. Und wer würde schon zu einem Schiri, der einem gerade ‘gelb’ gezeigt hat und sagt: Herr Lippens, ich verwarne Ihnen! sagen: Herr Schiedsrichter, ich danke Sie! Und dafür ‘rot’ sehen? Franz Beckenbauer jedenfalls nicht. Vielleicht zeichnet das ja auch das Ruhrgebiet und die Ruhrgebietler aus: Daß es egal ist, wo jemand ursprünglich herkommt, wenn er nur lange genug dableibt. Mehr als ein Leben lang ...
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