Bücher vonne Ruhr · Verlag Henselowsky Boschmann · Werner Streletz · Joachim Hermann Luger · Rarko Radic· Der Beifahrer
Der Beifahrer
Emschersagen Neuerscheinung
Werner Streletz (Autor), Joachim Hermann Luger (Vorleser) Zarko Radic (Illustrator)
Der Beifahrer
64 Seiten, 12,90 € - Buch mit Hörbuch
ISBN 978-3-942094-06-1

Jahrelang hat Wolfgang den Rolf in die Nachbarstadt zur Arbeit mitgenommen. Wolfgang am Steuer, Rolf neben ihm, oft zerknirscht, zermürbt von der letzten Nacht. Das ist lange her. Die beiden haben sich aus den Augen verloren. Nun ist Rolf, der lebenshungrige Hallodri, gestorben. Während der Autofahrt zu Rolfs Beerdigung erinnert sich Wolfgang an jene fernen Tage, an eine Zeit der Verlockung und der verpassten Chancen.
Das Buch enthält als Hörbuch die komplette "Beifahrer"-Geschichte, gelesen von Joachim Hermann Luger, sowie Illustrationen von Zarko Radic.
• Rezension im Deutschlandfunk

· Rezension in der BZ
Wolfgang ist früher eine Zeitlang gemeinsam mit Rolf zur Arbeit in die Nachbarstadt gefahren. Wolfgang hat Rolf morgens mit dem Auto von dessen Wohnung abgeholt und ihn abends dort wieder abgesetzt. Irgendwann haben sich die beiden aus den Augen verloren. Jahrzehnte sind seitdem vergangen, da erreicht Wolfgang die Nachricht, dass Rolf verstorben ist. Wolfgang macht sich mit seinem Auto auf den Weg zu Rolfs Beerdigung in einer Ortschaft im Ländlichen. Während er dorthin unterwegs ist, erinnert sich Wolfgang an seine Erlebnisse mit Rolf, die sich seinerzeit während der Pendelfahrten zwischen Wohnung und Arbeitsplatz abgespielt hatten, ausschließlich im Auto übrigens. Ansonsten hatten sie – zumindest privat - kaum direkten Kontakt miteinander gehabt. Rolf ist seinerzeit ein lebenshungriger Mensch gewesen, maßlos in seinen Ansprüchen, dabei durchaus zwielichtig und wahrscheinlich kleinkriminell. Ein schräger Vogel, leichtsinnig, doch nicht unsympathisch. Rolf hatte während der damaligen Autofahrten immer wieder versucht, Wolfgang in den vermeintlich faszinierenden Taumel seiner Erlebnisse - mit Frauen, Freunden, in Diskos und anderwärts - hineinzuziehen. Doch Wolfgang - anders als Rolf damals ein bedachtsamer, konventioneller Mensch mit fester Freundin - hatte das immer abgelehnt. Gelegentlich allerdings hatte Wolfgang Rolf beneidet, mit Hochachtung für dessen unverblümte Chuzpe. Während der Fahrt zur Beerdigung formt sich indessen nicht nur Rolfs Porträt, so wie es Wolfgang erinnert. Wolfgang vermittelt in seinem Selbstgespräch ebenso ein Bild von sich selbst. Er wirkt nervös, reagiert leicht aufbrausend, steht kurz vor der Scheidung von seiner Frau, mit der er einen Nervenkrieg führt. Der solide und brave Lebensentwurf - so er ihm treu geblieben ist - hat Wolfgang offensichtlich nicht nur Glück beschert. Gleichwohl endet der Monolog mit einer angenehm-lichten Erinnerung an die Zeit, als Rolf und Wolfgang gemeinsam zur Arbeit gefahren sind.
Emschersagen
Werner Streletz, geboren 1949 in Bottrop; seine literarischen Arbeitsgebiete sind Lyrik, Prosa, Theater, Hörspiel; mehrfach ausgezeichnet, zuletzt für sein Gesamtwerk mit dem »Literaturpreis Ruhr«; lebt in Bochum.
Joachim Hermann Luger, Jahrgang 1943, aufgewachsen in Berlin; wurde als Schauspieler bekannt durch die Rolle des Sozialarbeiters Hans Beimer in der Fernsehserie »Lindenstraße«; lebt in Bochum.
Zarko Radic »Zara«, in Serbien geboren; Studium der Freien Malerei in Novi Sad und Belgrad; zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland; Arbeiten in öffentlichen Räumen und privaten Sammlungen; lebt in Bochum.

40
Mistwetter!
Macht mich sofort unsicher
Das ändert sich wohl nie
Doch noch kenne ich die Straßen
Das beruhigt

Krümel auf dem Beifahrersitz
Müsste man säubern
Manche haben für solche Zwecke
einen Handstaubsauger im Auto
Kilometerzähler: auf Null
Zwei Stunden werde ich wohl unterwegs sein
Überschlägig

Der Scheibenwischer braucht die höhere Taktzahl

Damals habe ich Rolf regelmäßig von zu Hause abgeholt
mit meinem ersten Käfer, neuwertig

Ein alter Backsteinbau im Vorort
Manchmal musste ich lange klingeln
Dann schlief er noch
Ich wartete in der Küche
während er sich anzog
Im Radio stets Klassik
obwohl Rolf nur Diskotheken besuchte
In der vergangenen Nacht wäre er dort
beinahe in eine Schlägerei geraten
erzählte er mir einmal beim Rausgehen
»I will kill you!«
hätte der andere ihm gedroht
wohl ein Engländer oder Ami
Rolf sah wieder mal so aus
als hätte er noch an einer Heuschrecke zu kauen
Voll innerem Ekel

Stets forderte mich Rolf dazu auf
an der Autobahnauffahrt
einen Anhalter oder Tramper mitzunehmen
wie sie damals dort noch standen
»Man muss Mitleid zeigen«, sagte er
Und stets lehnte ich dankend ab
weil ich wusste
dass auch Rolf keine Lust
auf einen Unbekannten im Auto hatte

Manchmal versuchte Rolf ein Lied zu singen
doch zu so früher Stunde
kriegte er meist noch keine Melodie hin
Darum schlug er sich in einem galoppartigen Takt
auf die Oberschenkel

Ich fuhr meist links und scheuchte
die anderen Autos per Lichthupe zur Seite
Tempo, Tempo, Tempo!
Dazu biss ich vorzeitig in mein Frühstücksbrot
das mir Rolf aus der Plastikdose angereicht hatte
in die es meine damalige Freundin immer verstaute
Oft kamen wir viel zu früh an

Heute verkrieche ich mich auf der Autobahn
gelegentlich lieber zwischen zwei Trucks
und fühle mich beschützt
wie von zwei großen Brüdern
zu denen ich gern aufschaue
Natürlich nötigt mich schon bald
der Fahrer hinter mir mit dröhnender Hupe
auf die linke Spur
damit ich den Truck vor mir endlich überhole