Verlag Henselowsky Boschmann
Alf Rolla · Gehse aufe Kirmes ...
Kirmes im Ruhrgebiet
Alf Rolla
Gehse aufe Kirmes
Ein Rundgang über die Festplätze im Ruhrgebiet
80 Seiten, gebunden, viele Fotos
9,90 €
ISBN 978-3-922750-86-4

Gehse aufe Kirmes …? Klar, Kirmes ist im Ruhrgebiet ein Stück Kultur. Und wann gehse aufe Kirmes? Ganzjährig, denn irgendwo ist bei uns im Metropölchen immer Kirmes. Und wo gehse aufe Kirmes? Entweder auf eine der großen, zum Beispiel in Crange, Sterkrade oder Recklinghausen, oder auf die kleine um die Ecke. Und warum gehse im Ruhrgebiet aufe Kirmes? Kirmes im Ruhrgebiet is schön!

Ausführlich dargestellt und mit historischen Fotos bebildert werden die Kirmesse in Buer, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Crange, Duisburg-Beeck, Bottrop, Bochum-Stiepel, Moers, Wattenscheid, Dortmund, Sterkrade und Mülheim-Saarn.
Inhalt
Blondbrummen im Kassenhäuschen
Trotz Umsatzeinbruch kein Beruhigungstee
Die Philharmonie des kleinen Mannes
Mit lustig ist nie Schluss
Lizenz zum Flirten
Die Schatzkiste auf der Hachestraße
Politiker schaffen in Buer die Kirmes ab
Kirmes auf Sparflamme in der Stadt der 1000 Feuer
Nachgeschlagen in der Essener Kirmesgeschichte
Propst verbietet Boxbude in Recklinghausen
Fahrt mit Folgen
Nichts für ältere Damen
Saarner Liebe auf den zweiten Blick
Silbernes Crange-Jubiläum
Erst flippern, dann trimmen
Ein Eisbär, der Grusel macht
Der größte Schwindel kommt aus Bottrop
Knutschfaktor positiv
Nach Sterkrade gekommen, um zu verwirren
Was ist, bitte schön, ein Eierülk?
Wenn die Hormone Autoskooter fahren
Die Freizeitparks gingen in Dortmund zur Schule
Aal auf der Hand
James Bond auf der Gertrudiskirmes
Früher Feierabend im Moerser Rathaus
In Stiepel spielen Fliegen die erste Geige
Klammern an der Hose
In Beeck schließt sich der Kreis
Auch hier ist was los …
Quellen
Kirmessplitter
Die Philharmonie des kleinen Mannes
Kirmes gehört schon seit Jahrhunderten zum Ruhrgebiet wie Arbeit und Wohnen, wie Handel und Kunst. Kurzum: Sie ist im Kulturleben dieser Region fest verwurzelt. Wie lange schon? Genau 1000 Jahre!
Wie es früher wohl gewesen sein muss, damals, als noch nicht einmal die kühnsten Fantasten an New York Höllentaxi, Miamibeach-Rallye und No Limit dachten? Es gab Schwertkampf, Rüstkunst und Musik von Spielleuten und Minnesängern, die ihre Kunst auf Jahrmärkten versilberten.
Aber das Zuhören sollte nicht die einzige Unterhaltung bleiben. Einige Jahrhunderte später zogen in regelmäßigen Abständen samstags die jungen Burschen eines Dorfes in einen nahe gelegenen Wald, um dort einen Baum zu fällen. Dieser Baum, manchmal bis zu 30 Meter hoch, wurde dann mit Bändern geschmückt und auf dem Dorfplatz aufgestellt. Er war auch an Rhein und Ruhr der Mittelpunkt eines jeden Volksfestes.
Die Kirchweihfeste bekamen sehr schnell Konkurrenz durch die Jahrmärkte, schon im Mittelalter ein beliebter Treffpunkt von Gauklern, Wahrsagern, Quacksalbern und Artisten. Auch konnten so Nachrichten aus entfernten Gebieten ausgetauscht werden. Das heißt so viel wie: Ein Jahrmarkt war in sozialer Hinsicht von größter Bedeutung.
Aus den Jahrmärkten entwickelten sich Ende des 19. Jahrhunderts die Vergnügungsparks. Im Dortmunder Fredenbaumpark wurde Ostersonntag 1912 der Lunapark eröffnet, der Wiener Prater (1766 eingeweiht) und der Berliner Lunapark (1906) hatten die Blaupausen geliefert.
Besonders Kirchenleute nahmen immer wieder Anstoß an der Zurschaustellung von sogenannten »abnormen Menschen« auf der Kirmes. Aber das mobile Varieté mit seinem Mumpitz hat schon seit einiger Zeit seinen Stammplatz auf den Rummelplätzen verloren, es wurde von Fahrgeschäften mit den Namen Galaxy, Speedy Gonzales, Jungle River, Fantasy Drive oder American Swing oder Gott weiß was abgelöst. Ebenfalls sind die zahlreichen Boxbuden, die teilweise gute Shows, aber meist keine sportlichen Wettkämpfe boten, fast ganz verschwunden. Und so ist das Verhältnis Kirche und Kirmes längst viel entspannter geworden. Schaustellerpfarrer ziehen seit Jahren über die Volksfeste an Rhein und Ruhr, taufen den Nachwuchs und zelebrieren Hochzeiten.
»Es ist kein Blumenbeet zu schade, um nicht ein Karussell darauf zu bauen«, zitierte NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben beim Jahresempfang 2008 der Arbeitsgemeinschaft der Schaustellervereine NRW Papst Johannes XXIII. Und Kirmes-Fachmann Albert Ritter meint sogar: »Die Kirmes im Revier ist die Philharmonie des kleinen Mannes.«
Alf Rolla

Foto: U. Albrecht
Alf Rolla
Alf Rolla wurde 1953 als Sohn eines Bergmanns in Herne geboren, volontierte bei den Ruhr Nachrichten (Dortmund), arbeitete als Redakteur bei Bild (Essen-Kettwig, Düsseldorf und Köln) und anschließend bei den Radio Luxemburg (Düsseldorf) und Radio RPR (Köln). Heute lebt er als freier Autor in Köln.