Henselowsky Boschmann Verlag • Jürgen von Manger - Bleibense Mensch!
Jürgen von Manger - Bleibense Mensch!

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Jürgen von Manger
Bleibense Mensch!
Träume, Reden und Gerede des Adolf Tegtmeier

128 Seiten, gebunden
9,90 €
ISBN 978-3-922750-74-1

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Gestatten, Adolf Tegtmeier, mein Name. Ist doch schön, wenn man nicht nur so rumwohnt, sondern wenn man auch mal erfährt, wie das alles war und ist, mit diese ganzen Sachen und meine Geschichten und so. Denn der Mensch wäre ja ohne die Leute von früher gar nicht möglich, weil es immer weitergeht, im Leben. Man muss nämlich Mensch bleiben im Leben, alles andere hat sowieso keinen Wert. Und in diesem Sinne wünsche ich dann auch von mir aus "Viel Vergnügen!" allerseits bei diesem … äh … Buch!
Jürgen von Manger
geboren 1923, gestorben 1994; sein Vater ist Staatsanwalt, sein Bruder wird Staatssekretär in Bonn. Also studiert auch Jürgen zunächst Jura, bevor er zum Theater geht. Er spielt in Hagen, Bochum und Gelsenkirchen und lernt hier die Sprache des Reviers. Kollegen in der Kantine spielt er seine Stegreifgeschichten vor, nur zum Spaß. Dann darf er am 25. März 1962 zum ersten Mal seine Kunstfigur Adolf Tegtmeier im NDR-Radio präsentieren.
Zum Inhalt:
Jürgen von Manger lässt nach über 30 Jahren wieder Adolf Tegtmeier wieder in Buchform über das Leben, Land und Leute sinnieren: im Theater bei Maria Schtuart, dem Trobbadur, Wilhelm Tell und Lohengrin; mit Phraseologischem in einer Gedenkrede, einem Antrag, einer Geheimversammlung, drei Maireden und einem Brief vom Betriebsausflug; über schlimme Sachen wie einen Schwiegermuttermörder und die Delinquentenzelle; über Bildung, die Not tut, im Theaterverein, beim Lügner von Goldoni, betreffs feinen Benehmens, während des Unteroffiziersunterrichts und bei Ärzten und Astrologen; als geträumte Historie über die Entstehung des Ruhrgebiets, einen Hiwi-Germanen und einen Lampengeist und über sich selbst als Finanzminister; letztlich über den Fortschritt der Zeit in Heiratsvermittlung und Führerscheinprüfung.
Werner Streletz am 20.Mai 2009 in der WAZ über Jürgen von Manger und der Manger-Abend von Martin-Rentsch
Für Helge Schneider ist er ein Vorbild. Neben Tana Schanzara gehört er zu den Urgesteinen des Ruhrgebiets, zur „Seele” des Reviers: Jürgen von Manger. Früher nicht selten befehdet, weil er draußen im Lande den Ruhrpott-Menschen vermeintlich als eine leicht unterbelichtete Spezies auf die Bühne brachte, haben sich solche abwertenden Urteile heute relativiert. Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier vermag in seinen besten Texten mit der Sprache des Ruhrgebiets und ihren Besonderheiten so virtuos umzugehen, dass sie eine Tiefenschärfe erreicht, die weit über jeden oberflächlichen Witz hinaus geht.
Was in den Betrachtungen des Adolf Tegtmeier an Hintergründigem zu entdecken ist, das zeigt nun mit viel Sinn für die Vertracktheiten des Ruhrpott-Slangs Martin Rentzsch. Unter dem Titel „Schönheit ist heilbar” hat er in der Nebenstelle des Schauspielhauses, im Melanchthonsaal, eine Handvoll Texte versammelt, die zu den unbekannteren gehören (Auf den „Schwiegermuttermörder” wird der Zuschauer vergeblich warten).
Martin Rentzsch, der mit wenigen Requisiten auskommt, vermeidet bei seiner Hommage jenes schon sprichwörtlich gewordene „Mangern”, jene durch die Mundhöhle gezogene Sprechweise, mit der jugendliche Imitatoren zur Glanzzeit von Mangers flugs zu kleinen Pausenstars auf jedem Schulhof werden konnten: „Ey, wollnwer mal sagn...”
Martin Rentzsch hat die Texte, sei es „Die Deliquentenzelle” oder die Rede vor der „Chorvereinigung Lyra 07” zunächst ganz ernst genommen und danach daraus eine ganz eigene amüsante Bühnenversion gebastelt. Mit sanften und liebenswürdigen Anklängen an das Original. Eine szenische Verbeugung vor Jürgen von Manger, die das Vorbild nicht verleugnet, es aber keinesfalls nachäfft.
Zu Herzen gehend der Auftakt mit dem Abgesang auf einen „Pütt”, der dicht gemacht worden ist: Sympathie entsteht durch die Traurigkeit, die dieser ins Bergfreie fallende Kumpel so greifbar werden lässt: ein zwar hilfloser doch ebenso ein hellsichtiger Mann.
Dieser Tegtmeier, so wie ihn Rentzsch mit der typischen Kappe auf dem Kopf zeigt, ist ein cleverer Zeitgenosse des sogenannten „alten” Reviers - nur manchmal fehlen ihm die richtigen Wörter. So zappelt er denn auch nicht ausgeliefert, sondern widerständig in den sprachlichen Fallstricken - stockend, suchend, sich ver-haspelnd.
Da ist nichts Dümmliches an dieser Gestalt, sondern eine Verstörung über die Zumutungen des Lebens, bei denen diesem Ruhrpott-Gewächs nicht nur die Spucke, sondern gelegentlich auch das Vokabular wegbleibt. Kein auftrumpfender Westentaschen-Schwadroneur singt da innig das Lied vom Bettler und seinem Hund oder doziert über die Tücken des „feinen Benehmens”, sondern ein gedrungener Alltagskämpfer, dem die Grenze der Zechenkolonie noch lange nicht die Grenze seiner Welt ist. Wenn auf der Vereinsversammlung ein verschlampter Antrag endlich eingebracht werden soll, versteigt sich dieser Tegtmeier in einen derartigen Nonsens-Höhenflug, dass aus dem verdatterten Kumpel ein Verwandter der absurden Helden Ionescos wird.
Martin Rentzsch, gebürtiger Berliner, hat mit seinem Solo die Kunst des Jürgen von Manger mit einem Male literaturfähig gemacht. Vergleichbar mit Karl Valentin, der, wäre er an der Ruhr geboren, dem Schrägdenker von Manger ein Geistesverwandter hätte sein können.
Inhaltsverzeichnis
Maria Schtuart
Der Trobbadur
Wilhelm Tell
Lohengrin

Eine Gedenkrede
Der Antrag
Die Geheimversammlung
Drei Maireden
Brief vom Betriebsausflug

Der Schwiegermuttermörder
Die Delinquentenzelle

Der Theaterverein
Der Lügner von Goldoni
Feines Benehmen
Unteroffiziersunterricht
Ärzte und Astrologen

Die Entstehung des Ruhrgebiets
Der Hiwi-Germane
Der Lampengeist
Tegtmeier als Finanzminister

Die Heiratsvermittlung
Die Führerscheinprüfung

Nachwort von Dirk Hallenberger

Der Schwiegermuttermörder (Textanfang)

RICHTER So, ich glaube, zur Person haben wir nun alles protokolliert … Also schön, wir treten dann weiter in die Hauptverhandlung ein und … eh … nun, Herr Tegtmeier, nun erzählen Sie mal, wie ist es denn dazu gekommen, daß Sie da Ihre Schwiegermutter ermordet haben?
TEGTMEIER Ja … also … ich möchte dazu gern noch eine Mitteilung machen … für dem Gericht.
RICHTER Ja – wieso?
TEGTMEIER Ich möchte … eine Mitteilung machen!
RICHTER Ja nu, also bitte – – was denn?
TEGTMEIER Ich möchte es dem Gerichte mitteilen, daß mir meine Untat leid tut … und daß ich versuchen will, durch ein schönes Leben … woll’n ma sagen, daß ich wieder ausbügele … die Schwiegermutter, was da so passiert ist.
RICHTER Ja … ja nun gut … also schön, das ist ja … das wollen wir ja alles nun mal erst feststellen, nicht wahr. Nun erzählen Sie aber mal erst, wie der Tatverlauf da gewesen ist und … wie war das an dem betreffenden Tag?
TEGTMEIER Ja, also … die Sache tut mir leid, ja … ich bedauere … die Tat … die Tatsachen, alles. Und ich möchte es gern ungeschehen machen. Kommt auch bestimmt nicht wieder vor.
RICHTER Na gut, schön, das hab’n wir ja eben schon gehört von Ihnen – nun, wie war das? Sie kamen vom Dienst nach Hause – von der Arbeit?
TEGTMEIER Nein – vonne Schicht! Woll’n ma so sagen, ich hatte Morgenschicht gehabt … und kam ich – jawohl! – kam ich nach Hause.
RICHTER Schön! Also Sie kamen von der Arbeit nach Hause und … wie ist das gewesen, sind Sie da sofort nach Hause gegangen, oder haben Sie vielleicht irgendwo … sind Sie noch eingekehrt?
TEGTMEIER Nein! Ich bin nach Hause … gekehrt. Das heißt, ich war noch oben an die Bude, hab Zigaretten geholt und … wie gesagt, dann bin ich nach Hause gegangen.
RICHTER Ja! Schön! Sie sind in die Wohnung gekommen, und wer war da?
TEGTMEIER Ja … wer war da? Also, meine Frau –
RICHTER Ja?
TEGTMEIER – die war nicht da. Die war im Kino gegangen. Aber meine Schwiegermutter … kann man wohl sagen … die war anwesend.
RICHTER Ja … und was ist dann passiert?
TEGTMEIER Wissen Sie doch Bescheid! Dann ist … äh … die Untat ist dann passiert. Aber ich möchte dazu gerne noch etwas beitragen … eine Mitteilung möchte ich für das Gericht … nochmal loslassen.
RICHTER Was denn nun schon wieder? – Also bitte, Sie können ja hier aussagen … und Sie wissen ja –
TEGTMEIER Ich möchte noch einmal die Sache hinweisen, daß mir meine Untat sehr, sehr leid tut, und ...