Verlag Henselowsky Boschmann
Peter Stripp · Rote Erde
Kirmes im Ruhrgebiet
Peter Stripp
Rote Erde
Der große Roman über das Ruhrgebiet und seine Vergangenheit

504 Seiten, Taschenbuch
12,90 €
ISBN 978-3-922750-88-8

1887. Der 15-jährige Bruno Kruska kommt aus Pommern ins Ruhrgebiet, um als Bergmann im "Goldenen Westen" sein Geld zu verdienen. Gemeinsam mit Friedrich Boetzkes, dem ortsältesten Hauer, dessen Sohn Karl und Otto Schablowski arbeitet er am Ausbau des Flözes »Morgensonne«. Doch dann bricht beim Kampf um mehr Lohn und bessere Arbeitsbedingungen ein Streik aus, und der Kaiser fürchtet eine Ausweitung sozialdemokratischer Ideen ...
Die ARD strahlte Rote Erde in zwei Serien aus. Die erste – gleichzeitig Inhalt dieses Buches – wurde 1981/82 gedreht und 1983 in neun Teilen zum ersten Mal gesendet. Sie spielt in der Zeit von 1887 bis 1919. Die vierteilige Fortsetzung unter dem Titel Rote Erde II wurde 1989 gesendet und deckt die Zeit von etwa 1920 bis 1950 ab. Die Serien waren eine Gemeinschaftsproduktion von Bavaria und WDR. Regie: Klaus Emmerich. Kamera: Joseph Vilsmaier. Drehbuch: Peter Stripp.

"Rote Erde" erzählt von harter Arbeit, von Liebe und Tod, von Katastrophen, von Kämpfen um mehr Lohn und mehr Gerechtigkeit. Aber auch von den Sehnsüchten der Menschen nach einem würdigeren Leben. (WDR)
Das Revier und seine Vergangenheit als bedeutsamer und griffiger Stoff. (Der Spiegel)
Der Roman zeigt, was Schulbücher vermeiden: Geschichte von unten, aus der Sicht und dem Erleben derer, die keine Schlachtenlenker sind, sondern Opfer. (Süddeutsche Zeitung)
Die erste Schicht
Was er zuerst bemerkte, als er die Augen noch geschlossen hielt, war der Geruch, der fremd, hart und beißend in der kalten Morgenluft hing und ihn aus einem unruhigen Schlaf geweckt hatte. Er fror in seiner abgetragenen Joppe, die ihm zu weit war und deren Ärmelenden er aufgekrempelt hatte. Er schob die Mütze über die Augen hoch und starrte, noch benommen vom Schlaf, durch die halbrunde Öffnung der Plane am Ende des Wagens in das von den Feuern der Hochöfen und Kokereien gerötete Dunkel hinaus. Am Holpern der Räder spürte er, dass die Straße gepflastert war. Er kauerte mit angezogenen Knien in seinem Versteck zwischen der Ladung: Kisten mit Schrauben und Maschinenteilen, Zementsäcke, Ölfässer und ein Postsack. Etwas Essbares hatte er nicht gefunden.
Durch einen Spalt in der verschnürten Plane hinter dem Fuhrmann fiel ein Lichtschein der Wagenlampe auf sein Gesicht. Seine noch kindlich vollen Lippen waren schmal verschlossen, sein Haar war lang gewachsen und hing in rötlichbraunen Strähnen unter seiner Mütze hervor, bis dicht über die breite Nasenwurzel; über seinen abstehenden Ohren wellte es sich und stauchte gegen den Kragenrand.
Er weitete den Spalt mit den Fingern und sah zum Kutschbock hinauf. Der Fuhrmann, der die Zügel hielt, hatte sich in seinen Mantel verkrochen; der Gehilfe neben ihm schlief, sein Oberkörper taumelte im Rhythmus der Fahrt hin und her. Der schwere, vierspännige Lastwagen rollte durch nasse, verödete Felder und Industriebrachen. In der Ferne dämmerte das erste blassrote Morgenlicht über den schwarzen Kegeln der Kohle- und Schlackehalden. ...
Peter Stripp
geboren 1935 in Berlin, Schriftsteller und Drehbuchautor; er schrieb auch das Drehbuch zu Rote Erde. Für den Fernsehfilm Im Reservat wurde Peter Stripp mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold ausgezeichnet.