Henselowsky Boschmann Verlag • Dirk Hallenberger (Hg.) - Wandel vor Ort
Erzählungen Ruhrgebiet
Dirk Hallenbergeri (Hg.)
Wandel vor Ort
Das Ruhrgebiet in ausgewählten Erzählungen

240 Seiten, gebunden,
14,90 €
ISBN 978-3-922750-71-0

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Vorwort von Dirk Hallenberger
Hundert Jahre Literatur über das Ruhrgebiet: sie scheinen ausreichend zu sein, um Bilanz zu ziehen, um aufzulisten, was heute, am Vorabend von »Ruhr 2010«, aus der erzählenden Literatur vorzeigens- und lesenswert, aber auch bewahrenswert sein könnte, bevor sich das Ruhrgebiet noch weiter kulturverwandelt und als Industrielandschaft völlig verschwunden ist. Eine Bestandsaufnahme mit dem Anspruch auf Bestandsgarantie. Dieser Band versammelt zum ersten Mal die wohl wichtigsten Erzählungen, die auf ambitionierte Weise das Ruhrgebiet zum Thema haben. Zu entdecken sind neben vergessenen durchweg namhafte Autoren, die während der letzten hundert Jahre mit ihren Prosa-Texten auf ihre je eigene Art ein bedeutendes Stück (Literatur-) Geschichte des Reviers zusammengetragen haben: sei es aus der Welt des Bergbaus, aus politischen Umbruchsituationen oder aus dem gemeinen Industrie-Alltag. Zwanzig literarische Facetten erzählen von Gemeinsamkeiten und Widersprüchen zwischen Ruhr und Lippe, zwischen unter Tage und über Nacht, zwischen damals und morgen – wie sie in dieser Komposition wahrlich nur im Ruhrgebiet zu finden sind.
Selbstverständlich ist das allerdings nicht. Denn vieles, allzu vieles ist unbekannt und unbekannt geblieben (oder schlicht vergessen): die Namen, die Titel, die Traditionen. So unbekannt wie lange, lange Zeit das Ruhrgebiet selbst. Noch vor 50 Jahren schrieb Heinrich Böll in dem seinerzeit viel und kontrovers diskutierten Revier-Bildband Im Ruhrgebiet (1958) einleitend: »Das Ruhrgebiet ist noch nicht entdeckt worden«. Diese zentrale und doch altbekannte These übertrug Mitte der 60er Jahre der Essener Jungautor Nicolas Born auf die Literatur: »Das Ruhrgebiet ist noch immer für die Literatur ein unentdecktes Land« (in einem Zeitungsbeitrag zum Thema »Industrie und Autor«). Der wohl bis heute wichtigste Autor des Ruhrgebiets, Erik Reger, schrieb mit Union der festen Hand (1931) den mutmaßlich »besten deutschen Industrieroman«, wie ihn nicht nur zeitgenössische Kritiker anerkennend beurteilten. Nur, und das teilt Reger mit einer Vielzahl anderer Schriftsteller, die sich literarisch mit dem Ruhrgebiet auseinandergesetzt haben, hat ihn das und seinen expliziten Revier-Roman nicht vor dem Vergessen bewahren können – besonders im Ruhrgebiet selbst.
Wie lässt es sich nun erklären, dass das Interesse an hiesigen Schriftstellern und deren Erzeugnissen so gering ist (dort besonders an den älteren), dass die Literatur über das Ruhrgebiet so wenig Spuren hinterlassen hat, dass es »bisher kein Bewußtsein von einer spezifischen Literatur der Region gegeben hat« (Erhard Schütz)? Ich denke hierbei weniger an (nur) lokal bedeutende Dichter, die sich vor Ort oftmals größerer Traditionspflege erfreuen, in der Nachbarstadt jedoch bereits völlig unbekannt sind. Ich denke vielmehr an Literatur, die versucht, das Ruhrgebiet als Ganzes zu thematisieren oder exemplarisch darzustellen – sei es als Industrieregion oder Großstadtlandschaft oder wie auch immer.
Wer heute im Ruhrgebiet nach Autoren oder Literatur der Region fragt, wird vornehmlich auf Max von der Grün (und dessen Romane) verwiesen. Dann entsteht zumeist eine Pause, zwangsläufig. Eingeweihtere ergänzen möglicherweise Jürgen Lodemann, Ralf Rothmann oder Frank Goosen. Wer jedoch weiß hier (noch) etwas mit Paul Zech, Erich Grisar, Hans Marchwitza oder eben Nicolas Born zu verbinden? Zugegeben, viele ›Klassiker‹ hat die Region nicht aufzuweisen. Man wird nicht behaupten können, das Ruhrgebiet habe sich nachhaltig in die deutsche Literaturgeschichte eingeschrieben. Weder ist hier bis heute ›der Zola‹ zu benennen, noch ist bis heute der Alexanderplatz gefunden, um nur zwei immer gern angeführte mögliche Vorbilder zu benennen. Sind diese Hürden jedoch genommen, lohnt sich ein erneuter Blick auf die literarischen Werke des Ruhrgebiets. Denn unter anderen als primär ästhetischen Gesichtspunkten kann diese Literatur durchaus dazu dienen, historisch als auch soziologisch interessante und durchaus aufschlussreiche Ein- und Ausblicke in und auf die Geschichte und Mentalität des Reviers und seiner Bewohner zu gewinnen.
Hier möchte die vorliegende Anthologie anknüpfen. Wandel vor Ort möchte mit seinen Beispielen illustrieren, ob und wie sich der literarische Zugriff auf das Ruhrgebiet während der letzten hundert Jahre formal-ästhetisch bzw. thematisch-inhaltlich verändert hat. Beide Aspekte finden sich bei der Auswahl gleichermaßen wieder: Zum einen erfüllen die Erzählungen – im Rahmen des vorhandenen ›Materials‹ – gehobene sprachlich-ästhetische Vorstellungen, zum anderen sind alle Erzählungen mit dem Handlungsort ›Ruhrgebiet‹ – oder darüber hinausgehend mit dem Motiv ›Ruhrgebiet‹ – verknüpft. Die Auswahl der Texte, auch wenn sie sich an entsprechenden Kanons orientiert, bleibt selbstredend subjektiv, sie konnte in diesem Fall auch auf keine Vorbilder zurückgreifen. Vergleichbare bisherige Anthologien wandten sich stets der jeweiligen Gegenwart zu, waren synchrone Vermessungen wie etwa die Prosa-Sammlungen von Wilhelm Beielstein (1937), Horst Laube (1972), Thomas Rother (1985) oder Horst Hensel/Heinrich Peuckmann (1986). So stehen in Wandel vor Ort bekannte Namen neben vergessenen, verstorbene Schriftsteller neben publizierenden. Und: es ist insgesamt ein Gruppenbild ohne Damen, die wenigen Ausnahmen schaffen hier kaum Abhilfe. (Umso bedauerlicher, dass Elke Heidenreich einen Textabdruck verweigerte.)
Die einzelnen Erzählungen sind chronologisch angeordnet, und es ist jeweils nur ein Autor (bzw. eine Autorin) vertreten. Der Aufbau unterliegt nicht thematischen Gruppen, da die Auswahl nicht darauf bedacht ist, möglichst alle Aspekte des Sujets ›Ruhrgebiet‹ zu berücksichtigen. Im Vordergrund steht allein, wie das einzelne Thema (egal welches) literarisch und sprachlich umgesetzt ist. Das erklärt andererseits den Umstand, dass sich das erste Viertel der vorliegenden Anthologie (ohne Absicht) ausschließlich dem Bergbau widmet, der später noch einmal an zwei Stellen aufgegriffen wird. Dem Bergbau folgt als Thema die Politik (als Reflex auf bestimmte Gegenwarts-probleme), und dann, nach 1945, lässt die Dominanz bestimmter Aspekte auffallend nach. Der Alltag zieht ein, Erinnerungen an Kindheit und Jugend werden formuliert, Liebe und Tod, Prostitution und Gewalt greifen Platz. Alles hält sich jedoch mit hohem Wiedererkennungswert zwischen den Konstanten Kohle und Stahl, ist also unmissverständlich an den Tatort Ruhrgebiet gebunden. Auch wenn am Ende nichts mehr so ist wie zu Beginn, Wandel vor Ort.